19) Pacelli (Pius XII.) hielt Bittschreiben zurück

Pacelli (Pius XII.) hielt Bittschreiben gegen Judenverfolgungen zurück

Am 5. November 2009 referierte der Kirchenhistoriker Hubert Wolf an der Universität Wien zum Thema: „Kirchenpolitik im Zeitalter der Diktaturen“. Wolf forscht bereits seit 1992 mit einer Sondergenehmigung in den Vatikanischen Geheimarchiven.

Kurzes Fazit seiner langen und wie bei ihm üblich schönfärberischen Rede:
Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., leitete keine einzige der zahlreichen Bittschreiben, gegen die Judenverfolgungen in Deutschland einzuschreiten, an Pius XI. weiter.

(Einzig der Brief Edith Steins habe den Papst erreicht – ob durch Pacelli oder auf anderem Wege, ist nicht klar und auch nicht so wichtig.)

Schuld daran ist – man horche – Cesare Orsenigo, der ab 1930 Pacelli als Nuntius in Deutschland ablöste. Pacelli war daraufhin Staatssekretär im Vatikan und als solcher Empfänger sowohl der Berichte Orsenigos als auch dieser zahlreichen Bittschreiben.

Gerade auf Orsenigo – den Wolf in früheren Stellungnahmen als „schwächlichen“ Nuntius, der dem Diplomaten Pacelli niemals das Wasser reichen konnte, charakterisierte – soll nun Pacelli gehört und die Briefe aus „Vorsicht“ zurückgehalten haben. Das ist geradezu lächerlich und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch diffamierend Orsenigo gegenüber.

Die einzige Erwähnung seines Referats finde ich übrigens auf der Webseite der Erzdiözese Wien, auf anderen katholischen Webseiten, wo die Rede auch angekündigt wurde, hält man seine „Funde“ offenbar für nicht so wichtig.

AUSZUG aus dem Bericht über Wolfs Vortrag (auf der Webseite der Erzdiözese Wien):

«Antijüdische Stereotype seien in va­ti­ka­ni­schen Dokumenten zwar feststellbar. Doch aufgrund der antisemitischen Exzesse in Deutschland wandte sich Pacelli mit folgender Argumentation an den damaligen Nuntius in Deutschland: Es läge in den „Traditionen des Heiligen Stuhls seine uni­ver­sale Friedens- und Liebesmission allen Menschen gegenüber auszuüben, egal zu wel­cher sozialen Schicht oder welcher Religion sie auch immer gehören“. Hier ar­gu­men­tiere Pacelli auf Basis der Menschwürde, betonte Hubert Wolf. Doch vom deutschen Nuntius kam eine negative Antwortet: eine „Intervention des Vertreters des Heiligen Stuhls“ wäre ein „Vorgehen gegen einen befreundeten Staat“.

Pacelli habe sich diese Position zu eigen gemacht, stellte Hubert Wolf fest: Ab dem Früh­jahr 1933 gab es zahllose Schreiben an den Papst mit der Bitte, die Stimme gegen die antisemitischen Ausschreitungen zu erheben. Der einzige Brief, der den Papst tat­säch­lich erreichte, war von der konvertierten Jüdin Edith Stein, übermittelt vom da­maligen Abt von Beuron. Sie erhielt die Antwort, dass für sie gebetet werde. […]

Auch der Wiener Rabbiner Arthur Zacharias Schwarz, der spätere Schwiegervater des Je­ru­salemer Bürgermeisters Teddy Kollek, habe sich an Pius XI. gewandt, mit dem er aus der gemeinsamen Studienzeit verbunden war: „Wenn es Eurer Heiligkeit möglich wäre auszusprechen, dass auch das gegen Juden geübte Unrecht ein Unrecht bleibt, so wür­de ein solches Wort den Mut und die Moral von Millionen meiner jüdischen Mit­bürger erhöhen.“  Diese Schreiben, sei dem Papst nie vorgelegt worden, weiß Hu­bert Wolf, der aber einen Notizzettel aus dem Sekretariat gefunden hat, auf dem sinnge­mäß zu lesen war: die Sache sei „molto delicato“ [sehr heikel], der Heilige Stuhl werde sich nicht äußern.»

Das sagt uns nun genügend über die „universale Friedens- und Liebesmission“ (Wolf), die Pacelli alias Pius XII. beseelte oder auch nicht.

Bei dieser Gelegenheit sei auf die „Zensurberichte“, die Dino Messina Mitte dieses Jahres im „Corriere della Sera“ veröffentlichte, hingewiesen, hier und hier – schon da bemerkte Messina: „Diese Episode zeigt uns einmal mehr, sollte es noch nötig gewesen sein, die unterschiedliche Haltung, die die beiden Pontifex [Pius XI. und Pius XII.] dem Faschismus und seiner rassistischen Politik gegenüber einnahmen.“

Hubert Wolf aber will weiterhin Pius XII. auf Kosten seines Vorgängers – wie dies schon bei anderen Gelegenheiten geschah – und nun auch auf Kosten Orsenigos reinwaschen. Gelingen tut es ihm indes nicht nur nicht überzeugend, sondern gar nicht.

(Schon merkwürdig übrigens, dass Radio Vatikan am 4.8.2005 meinte: «Es gibt zum Beispiel keinen anderen Bericht unmittelbar nach der Reichspogromnacht, der so scharfsinnig die Probleme beschrieben hätte wie ein Nuntiaturbericht von Orsenigo» – «Pacelli habe jedoch meist ‚kaum mehr als den Eingang‘ der Berichte und Eingaben bestätigt», so wörtlich derselbe Hubert Wolf hier.
Mein Eindruck ist, dass Orsenigo sehr wohl ein scharfsinniger Beobachter war und die Lage gut einzuschätzen wusste, sich aber gegen den autoritär auftretenden Pacelli nicht durchzusetzen wusste – ob er dies auch gewollt hätte, wüsste ich mangels Belege nicht zu sagen; dass es Pacelli überdies ganz recht war, einen „schwächlichen“ Nuntius – was immer man darunter verstehen soll – gerade an dieser Stelle zu haben.)

Über das Ausbleiben einer Stellungnahme Pius XI. zur Reichspogromnacht, wie auch eines Antwortschreibens an Edith Stein (dass sie „die Antwort, dass für sie gebetet werde“ erhielt, bezweifle ich, fragte sie sich doch in ihrer Autobiografie 1938, was wohl aus ihrem Brief an Pius XI. geworden sein mag), will ich noch etwas „recherchieren“ – ich will ja nicht wie Wolf zu einseitig werden. (Vorab nur eine Mutmassung: gerade kürzlich habe ich gelesen, Pius XI. sei zur Zeit der Reichspogromnacht krank gewesen, nur diese kurze Bemerkung hier aus einem Wikipedia-Artikel (bevor es womöglich „verschwindet“):
«When Lord Rothschild, a prominent British leader, organized a protest meeting in London against Kristallnacht, Eugenio Pacelli, Vatican secretary of state, acting on behalf of Pius XI, who was then ill, sent a statement of solidarity with the persecuted Jews; the statement was read publicly at the meeting» (aus „Pius War“, S. 119).

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