16) Polen und Mailand

Jugend in Mailand

Pius XI. - Achille Ratti - 1880Als junger Priester wurde Achille Ratti 1888 ins Kollegium der angesehenen Bibliothek „Ambrosiana“ in Mailand aufgenommen, dessen Präfekt er 1907 wurde; hier widmete er sich umfangreichen Studien, lernte manche, auch ausländische, Intellektuelle und Politiker kennen und unterhielt rege gesellschaftliche Kontakte vor allem zur Mailänder Oberschicht; ganz im Gegensatz zu seiner Zeit in Rom, wohin er 1911 vom Papst berufen wurde, um erst Vize- und 1914 Präfekt der Vatikanischen Bibliothek zu werden; hier lebte er dann eher zurückgezogen. Ratti liebte Bücher; wenn ihm ein interessantes unterkam, war er glücklich.
 
In Mailand gab er auch Hebräischkurse im dortigen Priesterseminar und machte so die Bekanntschaft mit dem Mailänder Oberrabbiner Alessandro da Fano, zu dem er seine Schüler in die Synagoge begleitete.
 
Es sei eine Beziehung, über die man wenig wisse, schreibt Emma Fattorini, es sei auch nie darüber recherchiert worden. Einige Hinweise finde man in der Sonderausgabe der Wochenzeitschrift „Israel“, die dem Oberrabbiner anlässlich seines Todes gewidmet war (wovon ich im Internet keinen Hinweis gefunden habe). Aber auch noch nachdem er Papst geworden war, habe Pius XI. den Rabbiner da Fano in mehreren Audienzen empfangen.
 
So zum Beispiel im Mai 1933 nach der Machtergreifung Hitlers. Die Londoner „Jewish Chronicle“ berichtete darüber am 12. Mai 1933 unter dem Titel „The Pope’s Desire to Help“: «The pope received in audience a delegation from the Agudath Israel, consisting of Consul General Guggenheim of Basle and Rabbi Alessandro da Fano of Milan, the President of the Board of Rabbis in Italy, and had a long private talk with them about the situation of the Jews in Germany. It is understood that the pope was extremely concerned about the sufferings imposed on the Jews and expressed his sympathy with them and his desire to help. Rabbi da Fano, who is eighty-six years of age, is a personal friend of the pope, and was his teacher of Hebrew when the pope was Director of the Catholic Ambrosian Library in Milan.»
 
Auch habe Pius XI. anlässlich des Antwortschreibens an den Oberrabbiner von Ägypten im Zusammenhang mit der Verabschiedung der Rassengesetze 1938 ausgerufen: „Wenn er wüsste, dass auch wir Schüler des Oberrabbiners von Mailand waren!“
 
Aber was sagt dieses wenige schon aus? Wird dieser Freundschaft (vor allem da man so wenig darüber weiss) nicht zuviel Gewicht beigemessen? Man kann gerne darauf hinweisen, aber irgendwelche Schlüsse betreffend seine Einstellung zu den Juden daraus abzuleiten (falls dies überhaupt versucht wird), scheint mir doch zu voreilig.
 
Die „kleine“ Thérèse: Der „Stern seines Pontifikats“
 
Teresa - 01Pius XI. hegte eine tiefe Verehrung für Thérèse von Lisieux, den „Stern seines Pontifikats“, wie er sie nannte.
Mit 15 Jahren in den Karmelitenorden eingetreten, starb sie 1897 erst 24-jährig an Tuberkulose. 1925 sprach Pius XI. sie heilig. Er bewunderte ihre gelebte Spiritualität „in den kleinen Dingen“, die sie gerade so gross mache.
„Nach meinem Tod werde ich Rosen regnen lassen“, soll sie ausgerufen haben.
 
Als Nuntius in Polen
 
Eine (sehr) schockierende Äusserung Achille Rattis stammt aus der Zeit, als er sich als Nuntius in Polen aufhielt; da war er immerhin bereits etwa 60 Jahre alt, man kann sie also schlecht als unreflektierte Haltung abtun:
 
«Die in den polnischen Städten sehr zahlreichen Juden stellten für Ratti das dubioseste/zweifelhafteste („malfido“) Element im polnischen Leben dar, ein gefährlicher antinationaler Faktor, eine Volksmasse, die das öffentliche Leben verseuche.»
 
(aus „Pio XI, Hitler e Mussolini“ von Emma Fattorini, Seite 16; sie zitiert hier ihrerseits aus einem anderen Buch, ohne genauere Angabe, in welchem Zusammenhang und in welcher Form diese Äusserungen Rattis erfolgten.)
 
Der sehr ausgeprägte Katholizismus der Polen faszinierte Pius XI. anfangs, er war von diesem tief gläubigen Volk sehr angetan und hätte wohl am liebsten ein rein katholisches, „judenfreies“ Polen verwirklicht gesehen. Er ward aber bald enttäuscht: es sei ein höchst schwärmerischer Katholizismus, der mit wahrer Spiritualität wenig zu tun habe, und der oft nur zu rein nationalistischen Zwecken missbraucht würde.
 
Wahrscheinlich erlebte er hier seine erste Enttäuschung dem Nationalismus gegenüber.
 
(Da Polen lange Jahrhunderte hindurch geteilt, also kein autonomer Staat war, identifizierten sich die Polen – vielleicht heute noch? – in erster Linie über den Katholizismus, habe ich irgendwo einmal gelesen.)
 
Waren es vielleicht diese Erfahrungen in Polen, die ihn prägten und bei ihm eine bleibende Skepsis dem Nationalismus gegenüber hinterliessen, die ihn schliesslich auch zum leidenschaftlichen, zumindest überzeugten Gegner antijüdischer Diskriminierungen machten?
 
Ich hatte bereits zuvor gelesen, Pius XI. habe sich in seinen Polenjahren antisemitisch geäussert; aber erst als ich dann bei Emma Fattorini auch las, was genau er herausgelassen hatte, da muss ich zugeben, kam ich schon etwas ins Schwanken was mein …, auch wenn ich ihn nie als ausgesprochenen Judenfreund angesehen hatte (wie es zum Beispiel Johannes XXIII. war).
 
Etwas erschreckend wäre das ja schon, wenn er nur aus eher zufälligen Lebensumständen zum entschiedenen Gegner des Antisemitismus geworden wäre. (Andererseits ist ja noch nie jemand als Antisemit auf die Welt gekommen, selbst Hitler nicht, sondern wurde es erst durch mehr oder minder unbewusste Prägungen.)
 
Man könnte hier einwenden, seine wahren Gefühle den Juden gegenüber seien gar nicht so wichtig, massgeblich sei, was er getan habe. Zum Teil mag das stimmen, und ich rechne ihm seinen Einsatz so oder so hoch an; andererseits aber sind es wohl in erster Linie unsere Gefühle, die unser Handeln lenken, als so zweitrangig kann man diese also nicht abtun.
 
„On finit toujours par aimer ceux auxquels on a essayé de faire du bien.“
[finde leider nicht mehr von wem dieses Zitat stammt]
 
Wenn mir eine (einzige) Spekulation erlaubt ist, wobei mir bewusst ist, dass ich damit völlig daneben liegen kann und sie überdies meinem Wunschdenken entspringt:
Mag es sein, dass er in seiner Jugend ein eher unreflektiertes Verhältnis zum Judentum und den Juden hatte, sich dann in Polen – vom Enthusiasmus der katholischen Nationalisten angesteckt – radikalisierte, um dann mit einsetzender Ernüchterung auch seine Gefühle den Juden gegenüber wieder zu mässigen? Und wer weiss: man … ja bekanntlich immer, jene zu lieben, für die man Gutes tut … [Spekulation Ende].
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