21) Wer schrieb jenen Satz?

„So kann der Tag kommen, an dem man wird sagen können, daß etwas getan worden ist.“

Eine Passage aus Hubert Wolfs Buch „Papst und Teufel“ (2008, S. 205) lautet [1]:

«Am 1. April 1933, während die SA im Deutschen Reich den Boykott jüdischer Geschäfte überwachte, trafen sich Papst Pius XI. und sein Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, um wie immer die wichtigsten kirchenpolitischen Themen miteinander zu diskutieren. Ganz oben auf der Agenda stand an diesem Tag der Antisemitismus der neuen Machthaber in Deutschland. Mehrere hohe jüdische Würdenträger hatten den Papst nämlich über „antisemitische Exzesse in Deutschland“ informiert. Pius XI. wies seinen Kardinalstaatssekretär an, den Berliner Nuntius Cesare Orsenigo umgehend sondieren zu lassen, „ob und wenn ja, was“ man von seiten des Heiligen Stuhles in dieser Angelegenheit überhaupt unternehmen könne. Nach der Audienz fügte Pacelli in eckigen Klammern hinzu: „Es könnten Tage kommen, in denen man sagen können muss, dass in dieser Sache etwas gemacht worden ist.“ – ein Schlüsselsatz: Denn dieser Eugenio Pacelli sollte 1939 als Pius XII. den Stuhl Petri besteigen.»
[Hervorhebung von mir]

Interessant, wem nun Thomas Brechenmacher diesen „Schlüsselsatz“ in den Mund (oder in die Feder) legt:

In den seit Oktober 2009 vorerst für das Jahr 1933 online zugänglichen und vom Historiker Th. Brechenmacher herausgegebenen Nuntiaturberichten aus Deutschland beim DHI (Deutsches Historisches Institut in Rom) fand ich folgendes [2]:

Ein Schreiben Pacellis (Pius XII.) vom 4. April 1933 an Cesare Orsenigo, dem damaligen Nuntius in Deutschland (Orsenigo löste ab 1930 Pacelli als Nuntius ab und blieb es bis Kriegsende 1945):

Regest [= Zusammenfassung des relevanten Inhalts eines Dokuments]

Appelle hoher jüdischer Würdenträger an den Papst, gegen die antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland zu intervenieren; Oresenigo möge, der „universalen Mission“ des Heiligen Stuhles für alle Menschen folgend, Möglichkeiten sondieren, im gewünschten Sinne tätig zu werden.
(Am 1. April 1933 fand in Deutschland der Boykott jüdischer Geschäfte statt.)

Es folgt der Inhalt des kurzen Dokumentes auf Italienisch.

Interessant ist die Fussnote Nr. 3:

3 Pacelli hatte in der Audienz bei Pius XI. am 01.04.1933 als Auftrag für O. notiert: „Veda se e come può dire o fare qualche cosa. – (Può venire così il giorno in cui si potrà dire che è sta­to fatta qualche cosa.* È cosa che sta nelle buone tradizioni della S. Sede.)“ […] Auch in der Hinzufügung in Klammern referiert Pacelli allem Anschein nach die Worte des Papstes; seine eigene Ansicht brauchte er sich ja kaum notieren. Hingegen geht er im Text des Telegramms an O. über den von Pius XI. erhaltenen Auftrag hin­aus und spricht von der „universalen Mission des Friedens und der Nächstenliebe“, die der Hei­li­ge Stuhl zu erfüllen habe. Hier setzt Pacelli unverkennbar einen eigenen Akzent. – Die Äußerung Pius’ XI. in der Audienz, „So kann der Tag kommen, an dem man wird sagen können, daß etwas getan worden ist“, wird kaum als Beleg für eine opportunistische Haltung Pius’ XI. (oder gar Pa­cellis) zu werten sein, sondern vielmehr als Audruck des päpstlichen Verständnisses seiner Amts­pflichten. Eine ausführliche Diskussion dieser Quelle bei Brechenmacher, „So kann der Tag kom­men …“.   
[*So kann der Tag kommen, an dem man wird sagen können, dass etwas getan worden ist. – Hervorhebungen von mir]

Wer hat nun diesen Satz geschrieben? Genauer: wurde er von Pius XI. während der Audienz geäussert oder handelt es sich um eine nachträgliche Ergänzung Pacellis?
Es ist jedenfalls ganz eindeutig Pacellis (Pius‘ XII.) „Stil“ und nicht der von Pius XI. Wie auch Hubert Wolf in seinem Buch 2008 bereits schreibt.

Brechenmacher aber legt ihn in bewusst trügerischer Absicht Pius XI. in den Mund, und meint obendrein noch ganz scheinheilig, er werde „kaum als Beleg für eine opportunistische Haltung Pius‘ XI. (oder gar Pa­cellis) zu werten sein“.

Nein, für eine opportunistische Haltung Pius‘ XI. spricht jener Satz ganz gewiss nicht, stammt er doch (wie ich überzeugt bin) von Pacelli – Pacelli aber hat bei sehr vielen Gelegenheiten eben solchen Opportunismus bewiesen.

Schlimm genug, wenn man lügt und trügt, um Pacelli alias Pius XII. „reinzuwaschen“ – um einiges schlimmer noch finde ich, wenn man dies auf Kosten eines verdienstvollen Menschen wie Pius XI. tut, und ihn damit verleumdet.

Im Gegensatz dazu Joseph Wirth 1939: Er habe im Rahmen sei­ner Bemühungen tiefe Ein­blicke in die Mentalität des neuen Papstes [Pius XII.] gewonnen, in seinem Herzen aber lebe noch „die Nachwirkung der hohen geistigen Linie von Papst Pius XI. hochseligen An­gedenkens“.

Thomas Brechenmacher will aber, wie sonst so manche Apologeten Pius‘ XII., den Kontrast zwischen den beiden Päpsten möglichst verwischen, ja ins Gegenteil kehren.

Wie z.B. auch hier in Fussnote 3 an einigen Stellen deutlich nachzuweisen. 

Es ist mitnichten das erste Mal, das ich dieser Haltung gerade auch bei Thomas Brechenmacher begegne, mehr noch als bei Hubert Wolf (wollte schon seit längerem in meinem Blogeintrag „Nivellierungstendenzen“ Beispiele zusammentragen).
Er macht nun auch ein Riesenaufhebens um diesen einen Satz, wohl, weil sich nichts anderes finden lässt, was Pius XI. zur Last gelegt werden könnte – einzig dieser eine Satz, der nicht einmal von ihm ist ! (siehe z.B. Fussnote 11 hier)

Zu den „Appellen hoher jüdischer Würdenträger an den Papst, gegen die antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland zu intervenieren“: Wir haben ja bereits gesehen, dass Pacelli kein einziges dieser Bittschreiben je an Pius XI. weitergeleitet hat; Hubert Wolf erwähnte es in einem Referat am 5.11.2009 an der Uni Wien.

Als wie verlässlich kann man die Editierung der Dokumente beim DHI einstufen, wenn sich solches feststellen lässt?

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1) In den Google-Buchseiten zu Wolfs Buch „Papst und Teufel“ war am Samstag, 27.3.2010 die Seite (205) mit dieser Passage noch lesbar, am Montag darauf, 29.3.2010, nicht mehr!

2) Hier links auf „Dokumente“ „Suche“ klicken, es erscheint eine Seite mit Suchfunktionen, die man aber leer lassen kann; einfach auf den Button „Suchen“ klicken: es erscheint eine chronologische Liste der Dokumente. (Wenn man von der Hauptseite www.dhi-roma.it aus sucht, wird es SEHR kompliziert …)

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