12) Der König und sein „unvergleichlicher Minister“

In seiner Weihnachtsansprache vom 24. Dezember 1938 vor den Kardinälen bedankt sich Pius XI. kurz und erwidert die erhaltenen Glückwünsche, um dann sogleich auf ein weiteres anstehendes Ereignis zu sprechen zu kommen, das bevorstehende zehnjährige Jubiläum des Konkordatsabschlusses zwischen Italien und dem Vatikan, das auf den 11. Februar 1939 fallen sollte.
 
Dabei dankt er unter anderem den „hohen Persönlichkeiten, dem noblen König und seinem unvergleichlichen Minister“, denen es zu verdanken sei, dass das Konkordat zu einem glücklichen Abschluss habe gelangen können (damals, wenn man die Rede genau liest).
 
Dass er hier Mussolini „den unvergleichlichen Minister“ nennt, bringt ihm wiederum die Kritik fast all jener ein, die heute seine Ansprache lesen; diese Reverenz an Mussolini mindere in hohem Masse die folgende Kritik an das Regime. (Überhaupt zeige dies einmal mehr, wie ernst es Pius XI. mit seinen lauwarmen Protesten gegen die Rassendiskriminierungen gewesen sei.)
 
Aber in Wirklichkeit war die Titulierung „unvergleichlicher Minister“ höchst ironisch gemeint. Alle hätten gleich die Ironie in dieser Anrede vermutet, auch Mussolini selbst sei höchst aufgebracht und zutiefst beleidigt gewesen, der Papst mache sich öffentlich lustig über ihn. Sein enger Mitarbeiter erzählt, wie er ausser sich vor Wut gewesen sei und welche Mühe es ihn gekostet habe, ihn zu beruhigen. Er lässt sogar eine Protestnote an den Heiligen Stuhl überbringen: „In gewissen katholischen Kreisen macht man sich lustig über das mich betreffende Papstwort. Ich beklage den vom Papst geäusserten Angriff auf die Partei, der in ganz Europa Anlass zu Spekulationen gibt.“
 
Erst bei Emma Fattorini („Pio XI, Hitler e Mussolini“) habe ich gelesen, wie diese Titulierung gemeint war, und wie sie damals auch verstanden wurde, und als ich darauf die ganze Ansprache Pius XI. las, schien mir auf einmal nicht nur der „unvergleichliche Minister“, sondern weite Teile der Rede mit feiner Ironie gespickt.
 
Es ginge hier zu weit, alle vermuteten Stellen aufzuzählen; nur ein Beispiel: er dankt nicht einfach (von Herzen), sondern „wie es sich gehört“; er erbringt den geschuldeten Dank. Dieses „wie es sich gehört“ („dovuto“) kommt an mehreren Stellen in der Rede vor. Und manch andere Redewendungen, die bei genauerem Hinhören recht suspekt klingen. Einfach köstlich, wenn das Thema kein so ernstes wäre.
 
Weiter wird ihm vorgeworfen, er halte sich so lange nur bei seiner „Azione Cattolica“ (einer katholischen Vereinigung) auf. Ja, nach einer Vorbereitung, jetzt kämen die zu beklagenden Punkte, erwähnt er zunächst nur die Angriffe der Faschisten auf „Azione Cattolica“; aber er beendet diesen Abschnitt mit: „Gestern war es Venedig, Turin und Bergamo; heute ist es Mailand, und gerade in der Person seines erzbischöflichen Kardinals, seiner Reden und Lehren wegen angeklagt, welche exakt seiner pastoralen Pflicht entspechen und die wir nur gutheissen können.“
 
Schuster IldefonsoDer Erzbischof von Mailand aber war Ildefonso Schuster, der im November 1938, also kaum einen Monat zuvor von der Kanzel des Mailänder Doms verkündet hatte:

 „Der Rassismus stellt keine geringere Gefahr dar als der Bolschewismus.“

(Er war auch jener, der 1928, damals noch Abt, dem Antrag der „Amici Israel“ gleich zustimmte, das „perfidis“ in der Karfreitagsfürbitte zu streichen; und den Pius XI. im Jahre darauf erst zum Erzbischof und bald darauf zum Kardinal ernannte).
 
Das wissen heutige Leser wohl kaum, woher auch? Aber den damaligen war gewiss bekannt, wer damit gemeint war und hinter welch „ungeheuerlicher“ Aussage sich nun der Papst öffentlich stellte.
 
Wenn wir das zu all seinen weiteren Attacken auf das Regime seit Ankündigung der Rassengesetze hinzuzählen, so sind das keineswegs „lauwarme“ Proteste, sondern so lautstark er (fast im Alleingang) eben konnte.
 
Ich wüsste nur allzugerne, wer erstmals diese ….
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