13) Die „unterschlagene Enzyklika“

ENZYKLIKA «HUMANI GENERIS UNITAS»
 
Da dies ein längerer Blogeintrag wird, hier vorab eine KURZFASSUNG:
 
Der Entwurf der im Juni 1938 von Pius XI. dem Jesuiten John LaFarge in Auftrag gegebene Enzyklika gegen Rassismus und Antisemitismus war im September fertiggestellt und dem Jesuitengeneral Wladimir Ledochowski in Rom übergeben; dieser leitete den Entwurf aber erst Ende Januar an den Papst weiter, wenige Wochen vor dessen Tod am 9. Februar 1939; es ist ungewiss, ob Pius XI. den Entwurf überhaupt jemals gelesen hat, geschweige denn, ob er ihn gesamthaft gutgeheissen hätte.
 
Die Entzyklika wurde unter seinem Nachfolger Pius XII. nie veröffentlicht, die Öffentlichkeit erfuhr erst 1973 davon, als die englische Fassung des Entwurfes in den USA wiederentdeckt wurde.
 
Nebst einer Verurteilung der Judenverfolgungen finden sich im Entwurf auch ausgesprochen judenfeindliche Passagen, die aber nicht LaFarge, sondern seinem Jesuitenkollegen Gustav Gundlach zugeschrieben werden, welcher bereits ähnliche Artikel verfasst hatte (z.B. 1930 im „Lexikon für Theologie und Kirche“). Gundlach aber wurde von Ledochowski, selbst Antisemit, zur Mitredaktion herangezogen.
 
Auch diese Ereignisse um die „unterschlagene Enzyklika“ zeigen, welch starke „kircheninterne“ Strömungen gegen Pius‘ XI. Bemühungen am Werk waren.
 
 

zum Inhalt der Enzyklika „Humani Generis Unitas“

Nur gerade der Anfang des Abschnittes über die Juden (Punkt 131 und 132) entspricht den Verheissungen, eine Enzyklika gegen den Antisemitismus zu werden; dann aber ändert sich die Tonlage auf sehr drastische Weise und wir lesen fast nur noch von der Verblendung, der Habgier, dem gefährlichen Einfluss der Juden für die christichen Seelen und derlei (Wohlbekanntes) mehr.
 
Gundlach Gustav - 01Es gilt aber fast als gesichert, dass hier nicht LaFarge, sondern eben sein Jesuitenkollege Gustav Gundlach (Bild links) federführend war; das vermutet auch Johannes Schmitt, Autor mehrerer hervorragender Artikel über den kirchlichen Antisemitismus, deren Lektüre ich jedermann höchlichst empfehle (werde noch eine Linkliste zusammenstellen).
Hier der die „unterschlagene Enzyklika“ betreffende Artikel vom Juni 1998, in welchem er zum Vergleich auch aus Gundlachs Lexikonartikel von 1930 zitiert.
 
Dass Gundlach tatsächlich von Ledochowski (und nicht von Pius XI.) zur Mitredaktion herangezogen wurde, ist spätestens seit der Veröffentlichung eines Briefes von LaFarge vom 28.10.1938 an Pius XI. gesichert.
 
Die den Antisemitismus betreffenden Textstellen aus dem Entwurf finden sich hier im Internet veröffentlicht (ab Punkt 131).
 
Auszug aus Punkt 132 „Die gegenwärtige Verfolgung der Juden“:
 
«Ist die Verfolgung einmal in Gang gekommen, dann werden Millionen von Menschen auf dem Boden ihres eigenen Vaterlandes der elementarsten Bürgerrechte und -privilegien beraubt, man verweigert ihnen den Schutz des Gesetzes gegen Gewalt und Diebstahl, Beleidigung und Schmach harren ihrer, […] Sogar je­ne, die tapfer für das Vaterland gekämpft haben, werden wie Verräter behandelt; die Kinder derer, die auf dem Schlachtfeld gefallen sind, werden aufgrund der alleinigen Tatsache, wer ihre Eltern sind, für außerhalb des Gesetzes stehend erklärt. […] Diese eklatante Verweigerung elementarer Rechte gegenüber den Juden treibt Millionen völ­lig mittellos über diese Erde, den Unwägbarkeiten des Exils ausgesetzt. Von Land zu Land ir­rend, sind sie sich selbst und der Menschheit insgesamt eine Last.»
 
Punkt 133 hingegen beginnt gleich mit „dennoch“:
 
«Und dennoch hat diese ungerechte, erbarmungslose Kampagne gegen die Juden unter dem Deckmäntelchen des Christentums, wenn man so sagen darf, zumindest den einen Vorteil gegenüber dem Rassenkampf, daß sie die wahre Natur, die eigentliche Grundlage der gesellschaftlichen Sonderstellung der Juden gegenüber der übrigen Menschheit in Erinnerung ruft.»
 
Das ist noch „heilig“ verglichem mit dem, was über viele Abschnitte hinweg folgt:
 
Beginnend mit dem Gottesmordvorwurf (wodurch die Juden den Zorn Gottes auf sich zogen und sich selbst ins Unglück stürzten), über die Verblendung und Verstocktheit der Juden (aufgrund ihrer Habgier), ihre Feindseligkeit dem Christentum gegenüber und somit die spirituellen Gefahren für die christlichen Seelen beim Umgang mit den Juden, sowie die Notwendigkeit der Bekehrung (besonders letztere scheint Gundlach mit höchster Dringlichkeit anzumahnen).
 
Und sehr bekehrungswillig werden die Juden ja gewiss auch, wenn sie derlei Ausführungen lesen …
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