04) Irene Harand: „Sein Kampf“ 1935

Harand Irene - 06Irene Harand über Pius XI. (1933)

Irene Harand, eine Wiener Katholikin, schrieb 1935 eine „Antwort an Hitler“, in der sie Punkt für Punkt seine in „Mein Kampf“ dargelegten Meinungen über die Juden widerlegte.

Welch schönere Distanzierung von Hitlers Hasstiraden als ihr Buchtitel: «Sein Kampf».

2005 wurde das Buch von Franz Richard Reiter im Wiener Ephelant-Verlag neu aufgelegt (steht natürlich in meinem Bücherregal). Auch im Internet ist es hier als pdf abrufbar: „Sein Kampf – Antwort an Hitler“ (von Irene Harand, 1935)

Auf Seite 41 steht über Pius XI. (es ist seine einzige Erwähnung im Buch):

«Die Nachrichtenagentur „Central News“ verbreitete im August 1933 eine römische Meldung, der zufolge der Papst unter dem Eindruck der Nachrichten über die fortgesetzten Judenverfolgungen in Deutschland sich abfällig über die antisemitische Bewegung geäussert hätte.
Papst Pius XI. erklärte, die Judenverfolgungen seien ein Armutszeugnis für die Zivilisation eines grossen Volkes. Er erinnert daran, dass Jesus Christus, die Mutter Gottes und ihre Familie, die Apostel und viele Heilige jüdischer Abstammung waren und dass die Bibel eine Schöpfung der Juden sei. Die arischen Völker hätten, sagte der Papst, keinen Anspruch auf Überlegenheit über die Semiten.»

Sind Thomas Brechenmacher und Hubert Wolf bei ihrer Durchforstung der Vatikan. Geheimarchive denn nicht auf diese „römische Meldung“ aus dem Jahre 1933 gestossen? Haben sie sie je publiziert?

Im Internet finde ich sie jedenfalls ausser im Buche Harands selber nur ein einziges Mal erwähnt, hier, und erst noch auf Englisch, in einer Aufsatzsammlung „Christian Responses to the Holocaust“ (S. 132: „Irene Harand’s Campaign Against Nazi Anti-Semitism in Vienna, 1933-1938“ von Gershon Greenberg).
Sonst gar nirgends …

EIN BEWEGTES LEBEN – IRENE HARAND (1900 – 1975)

Irene Harand arbeitete in den späten 20er-Jahren als Angestellte beim jüdischen Rechtsanwalt Moriz Zalman in Wien, mit welchem sie 1930 die „Österreichische Volkspartei“ gründete.
1933 gründeten sie wiederum zusammen den „Weltverband gegen Rassenhass und Menschennot“, der bald nur noch „Harand-Bewegung“ genannt wurde, auch im Gegensatz zur „Hitler-Bewegung“; diese zählte bald etwa 36’000 Mitglieder weltweit.
Ihre Wochenzeitschrift „Gerechtigkeit“, die von 1933 bis 1938 in einer Auflage von 28’000 Exemplaren – für kurze Zeit auch in Polnisch und Französisch – erschien, trug auf der Titelseite das Motto: „Ich bekämpfe den Antisemitismus, weil er unser Christentum schändet“.
Im März 1933 veröffentlichte Irene Harand bereits ein Buch mit dem Titel „So? oder so? – Die Wahrheit über den Antisemitismus“.
1935 dann ihr Buch „Sein Kampf – Antwort an Hitler“, das auch ins Englische und Französische übersetzt wurde.
In ausgedehnten Vortragsreisen durch Europa und die USA versuchte sie die Öffentlichkeit gegen den Nationalsozialismus und speziell gegen den Antisemitismus zu mobilisieren.
Wie sehr ihre Aktivitäten ernst genommen wurden, beweisen mehrmalige Proteste des deutschen Gesandten Franz von Papen bei der österreichischen Regierung; diese seien ein „Eingriff in innerdeutsche Angelegenheiten“.
Beim Anschluss Österreichs 1938 hielt sie sich glücklicherweise gerade in England auf, von wo aus sie später mit ihrem Mann in die USA emigrierte. Moritz Zalman wurde 1940 im KZ Sachsenhausen umgebracht.
Auf Irene Harand wurde ein Kopfgeld von 100’000 Reichsmark ausgesetzt; ihre Bücher in Salzburg öffentlich verbrannt.
1968 wurde sie von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.
Sie starb am 2. Februar 1975 in New York.

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4 Kommentare »

  1. ekattwinkel said,

    Liebe Gwunderi,
    ich habe mir eben diesen sehr interessanten Beitrag kopiert und werde ihn in Kürze in meinem Blog veröffentlichen. Ich setze Ihr Einverständnis voraus. Selbstverständlich habe ich die Quelle angegeben und Ihr Blog verlinkt.- Wie schade, dass Sie lange keine neuen Beiträge eingestellt haben. Woran liegt es?
    LG E.K.

  2. gwunderi said,

    Liebe Eleonore,
    Ich fühle mich sehr geschmeichelt, herzlichen Dank. Darf ich es dann auch kommentieren? : )
    Natürlich würde ich mich auf einen Kommentar ab und zu freuen, auch wenn ich so oder so Freude an meinem Blog habe.
    LG Gwunderi

  3. John Connelly said,

    Leider war das eine Falschmeldung. Pius XI sagte nicht , jedenfalls nicht öffentlich, das ihm durch Irene Harand Zugeschriebene. Hierzu: Hubert Wolf, Papst und Teufel, S. 228ff.

  4. gwunderi said,

    Hubert Wolf schreibt, dass obige Erklärung Pius‘ XI. im (Londoner) „Jewish Chronicle“ vom 1. September 1933 unter dem Titel „Der Papst prangert den Antisemitismus an“ erschien. Weiter: «Nachdem Zweifel an der Authentizität dieser von mehreren Nachrichtenagenturen verbreiteten Erklärung aufgekommen waren, wandte sich der Herausgeber des „Jewish Chronicle“ am 8. September an den Kardinalstaatssekretär und bat ihn um Klarstellung, „ob es stimmt oder nicht.“ Eine Antwort erhielt er jedoch nicht; der Vatikan äusserte sich auch öffentlich nicht zu dieser Meldung – weder bestätigte noch dementierte er sie.»

    Dass der Herausgeber keine Antwort erhielt, sagt noch gar nichts aus, denn er wandte sich an Pacelli (Kardinalstaatssekretär), und dass dieser keinen einzigen der seit 1933 sehr zahlreichen Bittschreiben v.a. aus Deutschland, gegen die Judenverfolgungen etwas zu unternehmen, an Papst Pius XI. weitergeleitet hat, haben wir kürzlich von Hubert Wolf selbst erfahren: https://piusxideralleingelassene.wordpress.com/11-pacelli-pius-xii-hielt-bittschreiben-zuruck/
    Pacelli (der spätere Pius XII.) zog es bei diesem Thema vor, zu schweigen.

    Die Frage ist ja, ob es sich um eine öffentliche Stellungnahme Pius‘ XI. handelt, wie die „Jewish Chronicle“ berichtet. Denn dass er diese Worte geäussert hat, daran zweifle ich persönlich nicht. (Die „Zweifel an der Authentizität“ erkläre ich mir eher so, dass nachgefragt wurde, wann und wo Pius XI. denn diese „öffentliche Missbilligung“ geäussert habe – und dass darauf Pacelli schweig, wie immer.)

    Schon im Mai 1933 hat die „Jewish Chronicle“ einen Artikel „The Pope’s Desire to Help“ veröffentlicht. Darin wird eine Unterredung des Papstes mit einigen jüdischen Persönlichkeiten wiedergegeben, bei welcher er diesen Wunsch äusserte. Das wird in dem Artikel aber auch klar so dargestellt. https://piusxideralleingelassene.wordpress.com/15-polen-und-mailand/

    Ich tendierte erst, nachdem ich Hubert Wolfs Ausführungen dazu gelesen habe, anzunehmen, es habe sich demnach wahrscheinlich – ähnlich wie bei obiger – um eine Aussage während einer Audienz gehandelt, die dann zu einer „öffentlichen Erklärung“ gemacht wurde, um ihr mehr Gewicht zu verleihen? Wie erklärte es sich dann aber, dass der Herausgeber eben des Jewish Chronicle beim Vatikan um eine Klarstellung bittet? Dann müsste es ja auch der „JC“ – anders als beim Artikel vom Mai – nicht aus eigener Quelle haben?

    Woher dann aber?
    Irene Harand schreibt ja, die Nachrichtenagentur „Central News“ habe die Meldung im August 1933 verbreitet. Im „Jewish Chronicle“ erschien sie aber am 1. September. Die Harand könnte sich ja getäuscht haben oder falsch informiert worden sein – oder wurde die Nachricht doch zuerst von Nachrichtenagenturen verbreitet und hat es auch der „JC“ von einer Agentur? (schiene mir unwahrscheinlicher, aber ich finde keine andere Erklärung). Und woher hätten es dann die Nachrichtenagenturen?

    Mangels fehlender Primärquellen kann ich also nur Vermutungen äussern:
    Dass es sich wahrscheinlich doch nicht um eine öffentliche Erklärung gehandelt hat, sondern nur um eine Stellungnahme „auf Anfrage“ vor jüdischen Persönlichkeiten, ähnlich wie schon im Mai. Dies würde in der Tat noch gar nichts zu Pius‘ XI. wahrer Einstellung zu den Judendiskriminierungen aussagen (wie ich bereits zum Artikel im „Jewish Chronicle“ vom Mai 1933 vermerkt hatte: „Aber was sagt dieses wenige schon aus?“).

    Das war aber 1933, und da scheint Pius XI. noch keine grosse Empathie mit den verfolgten Juden entwickelt zu haben; ganz anders spätestens seit etwa 1938, von da an gibt es zahlreiche Belege, wie sehr er sich persönlich engagiert hat und wie ernst es ihm damit war – ob aus Empathie oder weil er es persönlich nicht (mehr) mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, oder aus beiden Gründen, wer weiss? Im Oktober 1938 z.B. sagte er ja zu Mons. Tardini, er schäme sich, nicht als Papst, sondern als Italiener schäme er sich; das Konkordat liege ihm am Herzen, noch mehr aber liege ihm sein Gewissen am Herzen.

    Eine so lange Ausführung schien mir nötig, um mit dieser „Falschmeldung“ nicht womöglich auch die weiteren Beiträge unglaubwürdiger erscheinen zu lassen. Und ich bin für solche Hinweise dankbar, bringt mich dazu, etwas mehr zu „graben“.


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