15) Pacelli lässt alles Material zu Pius‘ XI. Rede vernichten

Die „unterschlagene Enzyklika“ ist recht bekannt und wird öfter erwähnt; viel weniger bekannt, da (fast) totgeschwiegen, ist hingegen jene Rede, die Pius XI. für das zehnjährige Jubiläum des Konkordats zwischen Italien und dem Vatikan (die sog. „Patti lateranesi“) vorbereitet hatte. Die Feierlichkeiten sollten am 11. Februar 1939 stattfinden, doch stattdessen wurden es Tage der Trauer: Pius XI. war in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar an einem Herzschlag gestorben.
 
Den Inhalt der Rede hatte Pius XI. vor allen geheim gehalten, auch wenn er sie öfter erwähnte:
Wie es üblich geworden sei, habe Pius XI. den Inhalt der Rede verheimlicht. Niemand bekam sie zu sehen, nicht einmal Pacelli, notierte sich Domenico Tardini, Mitarbeiter im Staatssekretariat, das von Pacelli, dem künftigen Pius XII., geleitet wurde. Erst am 8. Februar sei Pacelli die bereits fertig getippte Rede zur Lektüre in den päpstlichen Privatgemächern überreicht worden; Pacelli habe nur sehr wenige eher formale Änderungen daran vorgenommen, und gleich darauf sei sie in die Druckerei gebracht worden. Nicht einmal den oft harschen Ton habe Pacelli abzumildern versucht.
 
Die Rede lag dem Pontifex sehr am Herzen, er hatte grosse Erwartungen in sie gelegt.
 
Er attackiert darin die faschistischen Methoden und warnt vor Bespitzelung durch das Regime, selbst am Telefon dürfe man sich nicht trauen, frei zu sprechen. Die Presse würde in Bezug auf die Kirche lügen, verfälschen und selbst erfinden, ja sogar die Judenverfolgungen in Deutschland würden hartnäckig dementiert; dies werde vom ungerechtfertigten Vorwurf an die Kirche begleitet, sich in die Politik einzumischen.
 
(Auch einen Satz finde ich „merkwürdig“ für eine Papstrede:
„… vor allem die Ehre eines Volkes, das sich seiner Würde und seiner menschlichen und christlichen Verantwortung bewusst ist, …“ – Pius XI. wird in seiner Wortwahl wohl sehr sorgfältig vorgegangen sein, und dass hier „menschlich“ vor „christlich“ kommt, wird nicht von ungefähr sein.)
 
Doch seine Rede sollte nie jemand zu Ohren bekommen. Pacelli erwähnt sie mit keinem Ton vor den bereits in Rom eingetroffenen Bischöfen. Nicht nur: Er gab gleich nach dem Ableben Pius‘ XI. Anweisungen, alles auffindbare Material die Rede betreffend zu vernichten.
 
Darüber wurden erst kürzlich (vor ein paar Jahren bei der Teilöffnung der vatikanischen Geheimarchive) die detaillierten, wiederum von Domenico Tardini schriftlich festgehaltenen Instruktionen Pacellis aufgefunden:Pius‘ XI. Handschrift sowie alle getippten Kopien, selbst die bereits angefertigten Druckmatrizen der an die Bischöfe zu verteilenden Rede sollen vernichtet werden, es solle „keine Zeile“ davon übrigbleiben.
 
Emma Fattorini berichtet nach der Wiederauffindung als erste darüber in ihrem Buch „Pio XI, Hitler e Mussolini“.
 
Ein weiterer Beweis, wie Pius XI. niemandem mehr traute, ist die Antwort (vom 9. Februar 1939) des italienischen Nuntius auf die Frage eines faschistischen Diplomaten, was der Papst zu tun gedenke: „Ich weiss es nicht, der Heilige Vater spricht mit niemandem über seine Vorhaben; aber gewiss wird er etwas Grosses vorbereiten.“
 
Nebst der Rede war für den darauffolgenden Tag eine persönliche Begegnung Pius‘ XI. mit den anwesenden Bischöfen geplant, um deren Meinung zur momentanen Lage aus erster Hand zu erfahren. Wahrscheinlich wurde auch dies von manchen Kreisen als nicht weniger „gefährlich“ eingestuft als die Rede selbst …
 
Mindestens eine Kopie der Rede wird dennoch überlebt haben, wie es dazu kam, erfahren wir bei Emma Fattorini nicht.
Erst 20 Jahre später zitierte Papst Johann XXIII. Auszüge daraus anlässlich des zwanzigsten Todestages Pius‘ XI.

 

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