06) „Spirituell sind wir Semiten“

Am 6. September 1938 hielt Pius XI. eine Rede vor belgischen Pilgern, in welcher er den Antisemitismus verurteilte.
 
Am Tage zuvor war in Italien die erste antijüdische „Massnahme zur Verteidigung der Rasse“ eingeführt worden, welche die Juden, Schüler wie Dozenten, aus öffentlichen Schulen und Universitäten ausschloss. Am 7. September sollte dann jene in Kraft treten, die den ausländischen Juden den Wohnsitz in Italien verbot und sie aufforderte, innert sechs Monaten das Land zu verlassen; einschliesslich jener, die nach dem 1.1.1919 eingebürgert wurden und denen nun die Staatsbürgerschaft wieder entzogen wurde.
 
Die Rede, die Pius XI. in Castelgandolfo, der päpstlichen Sommerresidenz hielt, wurde von einem der Pilger, Monsignor Picard, der Chef einer katholischen Radiostation, auf ausdrücklichen Geheiss des Papstes hin mitstenografiert und darauf in „La Documentation Catholique“ abgedruckt.
 

In der italienischen (katholischen) Presse hingegen wurde sie nicht einmal erwähnt; der „Osservatore Romano“ veröffentliche zwar die Rede, liess aber die Passage gegen den Antisemitismus weg (!), die „Civiltà Cattolica“ erwähnte die Rede überhaupt nicht. Manche Italiener erfuhren davon nur aus der ausländischen Presse.

 
Den Text seiner Rede, die er „in un getto“ (wie in einem Guss) vorbrachte, finde ich am ausführlichsten bei Emma Fattorini in „Pio XI, Hitler e Mussolini“ wiedergegeben. Weder auf deutsch und nicht einmal auf Französich ist sie im Internet, selbst nach stundenlanger Suche, zu finden. Untenstehende ist meine Übersetzung aus Emma Fattorinis Buch:

«An diesem Punkt konnte der Papst seine Gefühlsregung nicht mehr unterdrücken. … Und mit Tränen in den Augen zitierte er jene Passagen bei Paulus, die unsere geistige Abstammung von Abraham hervorheben: die Verheissung wurde Abraham und seinen Nachkommen zuteil … Hört diese Worte aufmerksam: Abraham ist uns als unser Patriarch, unser Ahne vorgestellt. Der Antisemitismus ist mit dem hehren („sublime“) Gedanken und seiner Wirklichkeit, wie sie in diesem Text zum Ausdruck kommen, nicht vereinbar. Der Antisemitismus ist eine verabscheuungswürdige Haltung, damit dürfen wir Christen nichts zu tun haben. … Durch Christus und in Christus sind wir die spirituellen Nachkommen Abrahams. … Jedesmal wenn ich die Worte „das Opfer unseres Vaters Abraham“ höre, kann ich nicht umhin, zutiefst davon berührt zu sein. Es ist für Christen nicht legitim, am Antisemitismus teilzuhaben. Wir aberkennen niemandem das Recht auf Selbstverteidigung und dass er das Nötige zur Wahrung der legitimen Interessen unternehmen darf. Doch der Antisemitismus ist nicht annehmbar. Spirituell sind wir alle Semiten.»
 
Tönt das nach leeren Worten? Nein, ich glaube fest, die in der Presse erwähnte Gefühlsregung Pius‘ XI. war wahrhaftig und echt.
 
Eine ungerechte Verurteilung Pius‘ XI.
 
Oft wird (aus entgegengesetzten Gründen) jener Satz in der Rede:«Wir aberkennen niemandem das Recht auf Selbstverteidigung und dass er das Nötige zur Wahrung der legitimen Interessen unternehmen darf» zuungunsten Pius‘ XI. ausgelegt, ja er mache geradezu seine Rede wertlos, da er damit implizit die Notwendigkeit der Selbstverteidigung und somit die „jüdische Gefahr“ anerkenne.
 
Wenn von Apologeten seines Nachfolgers Pius XII. darauf hingewiesen wird, können wir erahnen, dass dies einzig aus dem Grund geschieht, den Kontrast zwischen den beiden Päpsten nicht allzu deutlich erscheinen zu lassen.
 
Aber auch wenn der Einwand in guter Absicht vorgebracht wird:
Die katholische Presse jener Zeit, allen voran die „Civiltà Cattolica“, faselte ständig von der Notwendigkeit einer Abgrenzung und warnte vor der „jüdischen Gefahr“: Im März 1938 zum Beispiel warnte sie, dass die „fatale Gier der Juden nach finanzieller Übermacht“ der eigentliche und tiefere Grund sei, weshalb das Judentum „eine Quelle ständiger Unruhen und eine fortdauernde Gefahr für die Welt“ darstelle. Als Gegenmassnahme schlug sie eine „unseren Tagen gemässe Form der Abgrenzung“ vor.
 
Im August 1938 dann wurde in der faschistischen Zeitung „Regime Fascista“ eine Serie äusserst judenfeindlicher Artikel der „Civiltà Cattolica“ aus dem Jahre 1889 wieder neu aufgetischt, und zwar als Entgegnung zu Pius‘ XI. kurz zuvor erfolgter Stellungnahme gegen den Antisemitismus.
 
Es ist also nicht nur anzunehmen, sondern es war gewiss so, dass Pius XI. in seiner so leidenschaftlich vorgebrachten Rede jenen Satz fast schon automatisch miteinfliessen liess, als Entgegnung zur ständig als Legitimierung der Rassengesetze vorgebrachten Notwendigkeit des Selbstschutzes.
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