02) Stimmen zu Pius‘ XI. Verteidigung

Es ist besonders nach der im September 2006 erfolgten Teilöffnung der Vatikanischen Geheimarchive für die Zeit des Pontifikats Pius‘ XI. (1922-1939), dass sich aufgrund der neu zugänglichen Dokumente die Stimmen zu seiner Verteidigung, wenn nicht gar zu seiner „Rehabilitierung“ mehren, und zwar von Seiten unabhängiger Historiker. Gleichzeitig zeichnet sich noch deutlicher ab, wie sein Nachfolger Pius XII. (Eugenio Pacelli) und „Gleichgesinnte“ ihn in seinen Bemühungen behinderten.

Hier einige Stimmen zu seiner Verteidigung:
Die beiden Aussagen von David Kertzer und Alberto Melloni sind aus einem Artikel vom 6. Oktober 2006:

David Kertzer, Historiker, Autor u.a. von „Die Päpste gegen die Juden“:
«Historian Kertzer says that Pius XI was aware he was making deals with devils in order to secure advantages for the Catholic church, but that his attitude changed toward the end of his papacy. „The pope began to regret to some extent what he had done and he really had some crisis of conscience“, Kertzer says.»

Pius XI. sei sich bewusst gewesen, dass er einen „Pakt mit dem Teufel“ einging, um sich Vorteile für die katholische Kirche zu sichern [mit dem Konkordat mit Nazideutschland], dass er aber seine Haltung gegen Ende seines Pontifikats änderte. „Der Papst begann, in gewissem Masse zu bereuen, was er getan hatte, und er hatte wahrhaftig einige Gewissenskrisen.“

Reue ist das richtige Wort, denn in seinen Jahren als Nuntius in Polen hatte auch er sich sehr abschätzig über die Juden geäussert. Andererseits war er seit seiner Jugend dem Rabbi von Mailand in Freundschaft verbunden.

Alberto Melloni ist Dozent für Geschichte des Christentums:

«In the pontificate of Pius XI, there is a change from initial indulgence if not sympathy for totalitarianism as a way to contain the Communist threat, to a different attitude … against Nazism, and against fascism and racial discrimination, deportation, and extermination“, Melloni says.»

«Während des Pontifikats Pius‘ XI. sehen wir einen Wechsel von anfänglicher Nachsicht wenn nicht gar Sympathie für den Totalitarismus als eines Mittels, die kommunistische Gefahr einzudämmen, zu einer veränderten Haltung … gegen den Nationalsozialismus und gegen den Faschismus und die Rassendiskriminierung, Deportation und Vernichtung.»

(Systematische Judendeportationen und Massenmorde gab es ja vor Pius‘ XI. Tod im Februar 1939 noch keine, wohl aber schon ausreichend „Ausgrenzungsmassnahmen“ bis hin zu Verschleppungen und Mord – Ankündigungen, was noch folgen würde, gab es vielleicht bereits …)

Alberto Melloni war es auch, der Ende 2004 in der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ die gerade in Frankreich wiederentdeckten Instruktionen Pius XII. (des Nachfolgers Pius XI. also) abdruckte, wonach während der Naziherrschaft gerettete jüdische Kinder, die getauft worden waren, nicht an ihre Eltern zurückzugeben seien (Befehl, dem sich sein Nachfolger Johannes XXIII. widersetzte).

Emma Fattorini, Dozentin für Gegenwartsgeschichte an der Universität „La Sapienza“ in Rom, ist Autorin des 2007 erschienen Buches „Pio XI, Hitler e Mussolini – la solitudine di un papa“ (gibt es leider nicht auf Deutsch): Ihr ganzes Buch ist darauf angelegt, die These des „alleingelassenen“ Papstes anhand der neu zugänglichen Dokumente zu belegen, was ihr auch sehr gut gelingt. Auch mein Blogtitel „der Alleingelassene“ ist von ihrem Buchtitel inspiriert.

Giovanni Miccoli lehrt Geschichte des Christentums an der Universität Triest. Er ist Autor des Buches: „I silenzi e i dilemmi di Pio XII“ (2000): Auch er schliesst sich in vielen Stellungnahmen Emma Fattorini an, z.B. in seinem Radiointerview vom 2.4.2009. Ob er auch Aufsätze darüber geschrieben hat, ist mir nicht bekannt.

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