14) „unterschlagene Enzyklika“ (2)

zur Entstehung und Verschwinden der Enzyklika
 
Castelgandolfo - 02Ende Juni 1938 empfing Pius XI. den amerikanischen Jesuiten John LaFarge, der bereits ein Buch gegen Rassendiskriminierung in den USA verfasst hatte, in Privataudienz in seiner Sommerresidenz in Castelgandolfo und beauftragte ihn, nachdem er ihn zu strengster Geheimhaltung verpflichtet hatte, mit der Ausarbeitung einer Enzyklika gegen Rassismus und Antisemitismus. Dem völlig überraschten LaFarge, der gerade auf Europareise war und sich eher zufällig in Rom aufhielt, war, „als sei ihm der Felsen des heiligen Petrus auf den Kopf gefallen.“
 
Eine erste Frage drängt sich hier schon auf: warum wandte sich Pius XI. (im geheimen) an einen amerikanischen Jesuiten? Wie er auch seine Rede „Spirituell sind wir Semiten“ vor belgischen Pilgern hielt, dabei Presseleute ausdrücklich bittend, die Rede mitzustenografieren und zu veröffentlichen? (könnten bei jener Rede seine Tränen auch solche der Erleichterung gewesen sein, dass er endlich Gehör findet und jemand seine Worte nach aussen trägt?)
Klar kann man alles auf die „faschistische Zensur“ schieben – ich sehe die massgeblichere Zensur in der römischen Kurie selber.
 
Nebst Gustav Gundlach arbeitete noch ein dritter Jesuit an dem Entwurf mit, der Franzose Gustave Desbuquois; beide wurden vom Jesuitengeneral Wladimir Ledochowski, einem polnischen Adeligen, zur Mitredaktion herangezogen.  
 
LaFarge John - 01Nach dreimonatiger intensiver Arbeit in Paris war der Entwurf im September fertiggestellt und von LaFarge (im Bild) „den korrekten Dienstweg einhaltend“ nicht direkt an Pius XI., sondern persönlich an Ledochowski in Rom ausgehändigt.
(Was LaFarge wohl von den antijüdischen Passagen hielt, und welche Reaktion Pius‘ XI. er sich darauf erwartete, bleibt wohl offen.)
 
Und hier begann die Verzögerungs- und Verschleierungstaktik
 
Aus einem Brief LaFarges an Pius XI. vom 28.10.1938 geht hervor, dass er der Meinung war, Ledochowski habe den Entwurf gleich an den Papst weitergeleitet, er ihn also bereits Besitze des Papstes wähnte.
 
Nachdem er darin Pius XI. seine Vorgehensweise bei der Ausarbeitung darlegt, dabei auch erwähnend, dass Gundlach von Ledochowski zur Mitarbeit herangezogen wurde, beschliesst er den Brief damit, wie leid es ihm tue, dass es ihm nicht möglich gewesen sei, das Dokument dem Papst persönlich auszuhändigen:
 
«Dieser Umstand hat mich tief betrübt, war es doch mein lebhafter Wunsch, das Dokument zu Handen Eurer Heiligkeit zu übergeben. Unser „reverendissimo“ General hatte mir zugesichert, den Text sogleich Eurer Heiligkeit weiterzuleiten; der Gedanke tröstet mich somit, dass dieser bereits an Sie gelangt sei, auch wenn ich auf die Genugtuung verzichten musste, ihn persönlich auszuhändigen.» 
 
(der Brief wurde erstmals am 1.4.2008 von Dino Messina im „Corriere della Sera“ veröffentlicht)
 
Am 3.1.1939 antwortete dann Ledochowski auf eine Nachfrage LaFarges, der Papst sei noch nicht im Besitz des Entwurfes, und überhaupt sei das Ganze „im Moment noch in der Schwebe“.
 
Der zweite Brief, den Dino Messina im „Corriere della Sera“ vom 1.4.2008 erstmals veröffentlicht, ist noch weitaus interessanter; es handelt sich um das Begleitschreiben Ledochowskis, mit dem dieser am 21.1.1939 – also ganze vier Monate nach dessen Erhalt – den Enzyklikaentwurf an Pius XI. weiterleitet:
 
Ledochowski Wladimir - 02(Auch der Zeitpunkt ist „interessant“: am 11. Februar sollten die Feierlichkeiten zum 10-jährigen Jubiläum des Konkordats zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl stattfinden, weshalb Pius XI. nun gewiss vollauf mit diesem bevorstehenden Ereignis beschäftigt war; auch war Pius XI. bereits über 80 Jahre alt und schwer krank, dadurch auch zeitweise handlungsunfähig – es würde ihm zur Zeit also gewiss keine Zeit für die Enzyklika bleiben; ausserdem hatte sein Arzt ja schon im November angekündigt, er könnte „von einem auf den anderen Tag“ sterben).
 
Brief Ledochowskis vom 21. Januar 1938 an Pius XI.
 
„Beatissimo Padre“ („Allerseligster Vater“),
Ich erlaube mir, Eurer Heiligkeit unverzüglich [!] den Entwurf Pater LaFarges über den Nationalismus sowie verschiedene von demselben angefügte Bemerkungen zu übermitteln.
Dem Pater Rosa und mir schien es, dass der Entwurf, so wie er ist, nicht den Wünschen Eurer Heiligkeit enspreche. Pater Rosa begann, einen anderen Entwurf auszuarbeiten, jedoch fehlte ihm die Kraft für eine solche Arbeit.
Eure Heiligkeit weiss, dass wir jederzeit zu seiner Verfügung stehen, hocherfreut, wenn wir Eurer Heiligkeit einen kleinen Dienst erweisen können.
Wenn Eure Heiligkeit wünschen sollte, dass man eine solche Arbeit ausführe, wäre es vielleicht angebracht, die Methode anzuwenden, die sich bei anderen Anlässen bewährt hat, nämlich: erst einen kurzen Abriss gemäss den Anordnungen Eurer Heiligkeit, diesen dann Eurer Heiligkeit unterbreiten, um erst nach dessen Anmerkungen den ersten Entwurf auszuarbeiten; diesen dann wiederum Seiner Heiligkeit unterbreiten, um darauf den endgültigen Entwurf zu verfassen.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich Eure Heiligkeit darüber in Kenntnis setzen, dass Pater Lazzarini sich heute abend oder morgen einer kleinen aber dringenden Operation unterziehen muss. Für ihn und für uns alle erflehe ich, zu Füssen Eurer Heiligkeit liegend, demütigst den Apostolischen Segen.
Eurer Heiligkeit letzter Sohn [„letzter“ wohl im Sinne von demütigster – od.“kläglichster“?)
W. Ledochowski D.J.
 
Ledochowski wollte also den Entwurf von Enrico Rosa, Autor mehrerer äusserst judenfeindlicher Artikel in der „Civiltà Cattolica“ (siehe z.B. LINK), überarbeiten bzw. neu ausarbeiten lassen; waren ihm die Passagen Gundlachs etwa zu gemässigt?
 
Eher handelte es sich wohl um eine reine Verzögerungstaktik:
Denn: „Auf jeden Fall hätten die katholischen Gläubigen den Lehrgehalt der Enzyklika übernehmen müssen – was in der Praxis Opposition gegen das Hitler-Regime be­deutet hätte.“
Und: „Das hätte Hitlers Armee, der Millionen Katholiken angehörten, nicht ausgehalten.“
(aus zwei „Spiegel“-Artikeln von 1997 und 2001)
 
(Ledochowski habe den Bolschewismus vor den Türen seiner Heimat mehr gefürchtet als die „braune Pest“, heisst es meist kirlicherseit, was der halben Wahrheit entsprechen dürfte; dass er auch Antisemit war und dies seine „Zurückhaltung“ mindestens ebenso beeinflusste, wird dabei ausgeklammert.)
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: