11) Wie Pacelli Pius XI. zensurierte

Im zweiten Artikel von Dino Messina (chronologisch der erste vom 19. September 2008, auch im «Corriere della Sera») finden wir einen weiteren Beleg, wie Pius XI. von Pacelli (dem künftigen Pius XII.) hintergangen wurde:
 
Leggi razziali - negozio giudeo

"Negozio giudeo"

Ab September bis November 1938 wurden in Italien etappenweise Gesetze eingeführt, die die Juden aus dem gesellschaftlichen Leben ausschlossen. Ich bin darüber selber eher oberflächlich informiert (was ich in Bälde zu ändern gedenke), aber für das Verständnis des Artikels ist dies auch nicht unbedingt vonnöten.
 
Jedenfalls sollten am 17. November der König Vittorio Emanuele III. und Mussolini den definitiven Gesetzeskorps unterzeichnen, was dann auch geschah. Pius XI. aber protestierte in zwei Schreiben, die er Anfang November an Mussolini und den König sandte, besonders im Hinblick auf die Mischehen, da die Gesetze das Konkordat zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl (die sogenannten „Patti lateranesi“ von 1929) verletzten.
 
Der König antwortete ihm; den Inhalt dieses Briefes habe ich nicht gefunden, es muss sich aber um eine ermutigende Antwort gehandelt haben, wie das weitere nahelegt. Mussolini hingegen würdigte ihn keiner Antwort.
 
Von neuer Hoffnung beflügelt, gab Pius XI. Anweisungen, sein Schreiben und die Antwort des Königs im „Osservatore Romano“ zu veröffentlichen.
 
Seine Verblüffung war daher nicht gering, als er tags darauf in der Zeitung nur eine verwässerte Synthese („sintesi ammorbidita“) seiner Stellungnahmen abgedruckt findet, ohne Erwähnung der Antwort des Königs.
 
Was nun folgt erfahren wir aus einer bisher unveröffentlichten internen, von Domenico Tardini verfassten Note, die erst kürzlich ihren Weg aus den Vatikanischen Archiven ans Tageslicht fand. (Domenico Tardini war Mitarbeiter im Staatssekretariat, das von Pacelli geleitet wurde.)
 
Die Szene spielt sich am Abend des 15. November 1938 im Vatikan ab.
 
Pacelli, schreibt Tardini, hatte zuvor den Papst daran erinnert, es sei nicht üblich, den vollen Text diplomatischer Dokumente zu veröffentlichen. Pius XI. habe bejaht, und also verfuhr man.
 
Bedauerlicherweise aber habe der Papst seine Zusage wohl vergessen; daher sein Erstaunen und sein grosses Bedauern, als er sah, dass der im „Osservatore Romano“ abgedruckte Text nicht seiner Stellungnahme entsprach; ganz besonders habe es ihn geschmerzt, die Antwort des Königs nicht vorzufinden.
 
«Der Hl. Vater ist nicht zu beruhigen. Er meint, der Artikel sei ein langer Monolog. Darin steht, man könne vielleicht auf eine zufriedenstellende Übereinkunft hoffen: „Aber wer gibt Ihnen diese Hoffnung? Ihre eigenen Erwägungen! Also ist es ein Monolog! Es ist jedoch die Antwort des Königs, welche uns diese Hoffnungen gibt.“»
 
Einige Tage später, nachdem er sich von einer krankheitsbedingten Krise erholt hatte  –  fährt Tardini fort –
 
«fragte der Papst: „Wer hat den Artikel geschrieben?“ „Ich, Eure Heiligkeit“, antwortete ich sogleich. Und der Hl. Vater [ironisch]: „Meine Glückwünsche!“. Aber der „Eminentissimo“ [Pacelli] beeilte sich: „Eure Heiligkeit, ich habe den Artikel durchgesehen und übernehme die volle Verantwortung.“
 
Es war der 28. November. Nachdem sich Monsignor Tardini das ärztliche Gutachten über den Papst notiert hatte („er könnte von einem Tag auf den anderen sterben“), fuhr er fort:
 
«Durch die solchermassen prompte und grossherzige Intervention des „Eminentissimo“ [Pacelli] ist der Heilige Vater nun weniger aufgebracht, und dann beginnt er, mir ein Kommuniqué zu diktieren, der am selben Abend noch im „Osservatore Romano“ veröffentlicht werden sollte. (…) Eure Heiligkeit zitierte darin wörtlich die Antwort des Königs. Dem „Eminentissimo“ gelang es, die Veröffentlichung zu verhindern.»
 
„Diese Episode zeigt uns einmal mehr, sollte es noch nötig gewesen sein, die unterschiedliche Haltung, die die beiden Pontifex dem Faschismus und seiner rassistischen Politik gegenüber einnahmen“, bemerkt Dino Messina, und dem schliesse ich mich voll und ganz an.
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